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Bildung

Fernstudium in evangelischer Verantwortung

Gertrud Wolf

Im Arbeitsbereich V Online-Bildung/Fernstudien des Comenius-Instituts sind die Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium für kirchliche Dienste und die Internet-Plattform rpi-virtuell zusammengefasst. Um ausbildungs- und berufsrelevante Kompetenzen und Qualifikationen zu erwerben, ist das Fernstudium für viele Menschen eine sehr geeignete, wenn nicht sogar oft die einzige Bildungsperspektive.

Warum Fernlernen in der evangelischen Kirche? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten: Zunächst zielt die Arbeitsstelle Fernstudium darauf ab, in kirchlichen Handlungsfeldern Kompetenzen und Strukturen auszubauen und zu verbessern, Bildungsprozesse anzuregen, anzuleiten, zu unterstützen und zu begleiten. Das Fernstudium richtet sich an alle Menschen, die in Kirche und Gemeinde tätig sind, Hauptamtliche ebenso wie Ehrenamtliche. Damit sich Menschen weiter qualifizieren können, unabhängig davon, wo sie leben und wie sie in Beruf und Familie eingespannt sind, ist es wichtig, Bildungsmöglichkeiten anzubieten, die weitgehend orts- und zeitunabhängig sind und dennoch ein hohes Maß an Qualität und Professionalität sichern. Dies wird durch das Angebot eines Fernstudiums erreicht.

Fernlernen

In der Geschichte des Fernlernens findet man zwei Wurzeln: Selbstunterricht einerseits und belehrenden Briefwechsel andererseits. Die Bedeutung der autodidaktischen Wissensaneignung wird vielfach unterschätzt. Auch die belehrende Briefform kann große Vorbilder aufweisen: Mancherorts gilt der Apostel Paulus wegen seiner Briefe an die Gemeinden sogar als Patron des Fernunterrichts.

Im Verlauf der Jahrhunderte wurden aus wohlgemeinten Lehrbriefen zielgerichtete Unterrichtsbriefe, und aus vereinzelten Informationsschriften wurden komplexe Unterrichtswerke mit einer eigens für den Fernunterricht entwickelten Didaktik. Fernlernen kann man als ein Lernen verstehen, das aus der Ferne betreut – d.h. angeleitet, begleitet, ermutigt – und in seinen Ergebnissen überwacht wird. Fernlernende sind keine reinen Autodidakten, sondern brauchen einen Fernlehrenden – einen Begleiter, Förderer oder Moderator – als Gegenüber. Die motivierende und mutmachende Funktion des Lehrenden spielt eine Rolle, jedoch anders als im traditionellen Unterrichten richtet sie sich direkt auf die Selbstlernkompetenzen der Lernenden. Denn Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Lernenden waren im Fernunterricht von jeher unhintergehbar. Fernlernprozesse beförderten schon immer Kompetenzen zum lebenslangen Lernen.

Auch wenn das Fernstudium im dicht besiedelten und mit Bildungseinrichtungen reich übersäten Deutschland oft eine marginale Bedeutung hatte, so zeigt sich im Zeitalter des Internets seine überragende didaktische Qualität. Im Sog von E-Learning und Blended Learning werden Elemente des traditionellen Fernlernens immer wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Eignung von Studienheften als Medien und erst recht eine gute tutorielle Betreuung sind auch für Blended Learning Qualitätskriterien. Gleichzeitig hat auch das Fernstudium von der Mediatisierung profitiert: Erstmals haben Fernstudierende die Gelegenheit, nicht nur mit ihren Dozentinnen und Dozenten, sondern auch untereinander in einen kontinuierlichen Austausch zu treten. Der rasche Datenaustausch und der ad-hoc-Zugriff auf ferne Datenbestände erlauben neue Formen der Teilnehmerorientierung, der Kommunikation und der Partizipation am gesellschaftlichen Wissensfundus.

Fernstudium in der EKD

Für das Fernstudium im Bereich der EKD stellen sich neben der inhaltlichen Gestaltung auch Fragen zur strukturellen und konzeptionellen Organisation, in denen ein evangelisches Bildungsverständnis zum Ausdruck kommt. Hier gilt es, in Anlehnung an Manuel Schulz (2005) den Bildungsbegriff ins Zentrum der konzeptionellen Überlegungen zur Fernausbildung zu stellen. Die Ableitung des Fernstudiums aus einem bildungstheoretischen Verständnis ist deshalb wichtig, weil der Bildungsbegriff im Gegensatz zum Lernbegriff auf die Habitualisierung von Gelerntem z.B. in Form von Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen abzielt. Derart auf Bildung und nicht nur auf ein begrenztes Lernverständnis abzielend, wird konsequente Teilnehmerorientierung konstitutiv für das Fernstudium. Fernstudierende werden dann Teilhabende am Lerngeschehen, wobei Teilhabe nicht als didaktischer Trick, sondern als gelebte und ernstgenommene, d.h. relevante und konsequenzreiche Praxis verstanden wird. Nur so können z.B. Fragen zu Ethik oder Glauben kommunikativ erarbeitet und persönlich handlungsleitend werden. Damit schließt sich ein Kreis von inhaltlichem Anspruch und Strukturlogik, die einander bedingen und befördern müssen.

Derzeit werden Kurse in vier Bereichen angeboten: Theologie, Pädagogik, Humandienstleistung und Sprachenkompetenz.

Die Angebote reichen von dezidiert theologischen hin zu alltagsund lebenspraktischen Themen, mit denen das Fernstudium kirchliche und gemeindliche Arbeit professionalisieren hilft. Ein Bereich, der zukünftig ebenfalls unterstützt werden soll, ist die Qualifikation von Erzieherinnen und Erziehern. Bisher waren es vor allem gedruckte Materialien, die mit großem Erfolg entwickelt und verbreitet wurden. Dies soll in Zukunft durch ein tutorielles Begleitsystem erweitert werden. Die Verwendung elektronischer Medien wird sich dabei an den strengen und bewährten Qualitätskriterien des Fernstudiums ausrichten, aber auch an dem Ideal des lebenslangen und selbstbestimmten Lernens. Um die aktive Teilhabe der Fernlernenden zu ermöglichen, müssen Kommunikationsräume nach innen und außen eröffnet und mutmachende Hilfestellungen gewährt werden. Die Möglichkeiten der Interaktivität stellen auch für das Fernstudium eine große Herausforderung dar, und Fernlehrende müssen deshalb umdenken. Das neue Paradigma lässt sich aber auf eine einfache Formel bringen: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lehren wir!

Literatur

Rebel, K.; Thorns, W. (Hg.) (2006): E-Learning. Potenziale, Probleme, didaktische Gestaltung. Gelnhausen: Fernstudium EKD.

Wolf, G.; Peuke, R. (2003): Mehr Partizipation durch neue Medien. Bielefeld: Wissenschaftlicher Verlag Bertelsmann.

CI Informationen 2008/1

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